Notizen zum Kino 4: Filmkritik und PR

Parteiisch für die Filmkultur
Von Rüdiger Suchsland

Wir sind parteiisch, keine Frage. Wenn es um die Position und den Stellenwert von Filmkritik geht, dann stehen wir, die Vertretung der Filmkritiker Deutschlands, nicht neutral über den Dingen. 2007 wurde die Filmkritik als Ganze angegriffen, die Folge war eine Diskussion über Sinn und Ziel von Kritik. Wenn sie auch oft um die falschen Fragen kreiste, und wenn manche Argumente nicht ganz ehrlich, manche Diskussionsteilnehmer nicht ganz offen waren, war sie doch nützlich zur immer wieder notwendigen, auch öffentlichen Standortbestimmung von Filmkritik. Im vergangenen Jahrbuch haben wir den Beginn dieser Debatte dokumentiert.

Sie ging dann weiter, in etwas ruhigeren Bahnen. Und nach viel öffentlichem Hin und Her kam es dann am 8. Mai 2007 endlich zu einer direkten Konfrontation des Kritiker-Kritikers Günter Rohrbach mit einigen seiner Kontrahenten. Wir sind der Berliner Akademie der Künste, namentlich Ulrike Roesen, überaus dankbar dafür, dass sie ihr Haus und einen ihrer Programmplätze zur Verfügung stellte, um gemeinsam mit dem Ver­band der deutschen Filmkritik (VDFK) im Rahmen der Reihe "Kunst im öffentlichen Raum" über die doch eher engen Grenzen von Rohrbachs Text hinaus grundsätzlich über das Verhältnis von Filmkritik und PR zu diskutieren.

Es wurde eine lebendige Veranstaltung, deren Beiträge und Diskussionen wir hier dokumentieren. Die Fragen, die dort angerissen wurden, sind zentral für die Zukunft von Filmkritik - sowohl für das Selbstverständnis der Kritiker, als auch für das, was Gesellschaft und Öffentlichkeit von ihr verlangen und erwarten können.

Der Abend förderte einiges Interessante zutage. Es kam zu überraschenden, auch wohltuenden Bündnissen, wie mit der Literaturkritik, die Ulrich Greiner vertrat, aber auch mit Regisseuren wie Andres Veiel, der bewies, wie vielstimmig auch der deutsche Film sein kann, wenn er nicht immer die gleichen Funktionäre für sich sprechen lässt.

Nachdenkenswerte Aussagen kamen von der Münchner PR-Agentin Anke Zindler. Ihre Ansicht, ein Filmkritiker habe "keinen Gegenstand, wenn er das Werk nicht unter kommerziell hergestellten Bedingungen sehen und hören kann. So viel zur Unabhängigkeit der Presse", verrät viel über das Selbstverständnis ihrer Zunft. Wenn sie aber hinzufügt, die Medien hätten PR «ja selbst schon verinnerlicht» und auf die Konkurrenz um PR-Erfolge unter den Medien verweist, trifft sie präzise das Dilemma, in dem sich gegenwärtige Filmkritik unter den Bedingungen der Kontami­nierung der Öffentlichkeit durch PR befindet.

Wer das Protokoll liest, kann die Gewichtung mit Recht kritisieren und darauf verweisen, dass hier wieder gerade jene Produzenten und PR-Agenten übermäßig viel Raum bekommen, die auch sonst die Film-Öffentlichkeit qua ökonomischer Macht dominieren. Wir haben dies im Vorfeld diskutiert und entschieden, dass es ge­rade der Filmkritik gut ansteht, ihren Kritikern großzügig Raum zu geben, erst recht, weil dies umgekehrt bisher nicht der Fall ist - und etwa die deutsche Filmakademie in ihren Veranstaltungen die offene Auseinandersetzung mit der Filmkritik bisher nicht gesucht hat. Beurteilen, wie der Platz genutzt wurde, können die Leser.

Die Debatte geht weiter. Sie trifft auch eine Filmakademie, deren Präsident die Kritik mit Argumenten traktierte, die zuletzt dann wiederum einem prominenten Mitglied als Munition zum Akademieaustritt dienten: Reine Zuschauerzahlen beweisen nichts, noch nicht einmal Publikumserfolg, aber Til Schweiger erweist sich argumentativ als Rohrbachs gelehrigster Schüler, wenn er fordert, ein Film müsse allein ob seiner Boxoffice-Zahlen schon eine Filmpreisnominierung sicher haben.

Nicht besser ist jener Filmjournalismus, der sich nicht zu schade ist, Berlinale-Siegern ihre Zuschauerzahlen vorzurechnen und Filmkunst pauschal mit Floskeln wie "Parallelgesellschaft" und "Prekariat des Kinos" abzutun, statt ihre Qualität zu bewerten - so geschehen im Spiegel.

Die Filmkritik selbst antwortet auf ihre Herausforderung viel zu oft nur mit Opportunismus, und mit einer erstaunlichen Begriffs- und Ratlosigkeit, sobald es um kulturpolitische Zusammenhänge geht. Wenn sie sich aber auf einen Informationslieferanten der Kinogänger, auf die Rolle des Dienstleisters und Service-Agenten reduzieren lässt, und weder einen emphatischen Begriff von Kino als Erfahrung einklagt, noch die - ökonomischen, politischen - Rahmenbedingungen berücksichtigt und zur Sprache bringt, gibt die Filmkritik einen zentralen Teil ihrer Funktion auf, geht ihre Aufgabe als Instrument der Selbstreflexion der Gesellschaft verloren.

Hier müssen wir als Verband der Filmkritik parteiisch sein. Parteiisch für einen weiten, von Selbstachtung geprägten Begriff von Kritik, für produktiven Streit unter Gleichen, womöglich sogar Gleichgesinnten, gegen die Durchdringung der Kultur durch Ökonomie, die in der Konse­quenz ihr Ende wäre.

Rüdiger Suchsland, freier Filmkritiker, ist Vorstandsmitglied des Verbandes der deutschen Filmkritik.

zurück zur Inhaltsübersicht