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Nachruf Michael Althen

Am 12. Mai starb Michael Althen, einer der angesehendsten deutschen Filmkritiker, nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 48 Jahren. 

Ein Liebender

Es gehört zum Beruf des Filmkritikers, dass man manchmal auch dann etwas zu Papier bringen muss, wenn einem nach Schreiben als Allerletztes zumute ist. Wenn einem die Worte fehlen, oder es einfach nichts zu sagen gibt, das angemessen wäre. Das muss seine Ursache nicht immer im Kino haben, ein solcher Moment ist auch der Tod eines Kollegen, Vorbilds und Freundes. Michael Althen war dies für viele deutsche Filmkritiker.

"Die Besten sterben früh…" das ist so einer dieser coolen Filmsätze, den man gern mal dahinsagt - bis er einem irgendwann im Hals steckenbleibt, weil er im Leben plötzlich eingetreten ist. Was Michael Althen zum besten Kritiker seiner Generation machte, war, dass bei ihm das Leben und das Kino eine enge Verbindung eingingen, dass seine Texte noch weniger, als die der anderen, von seiner Person zu trennen waren. Die Empfindungen, die kleinen Beobachtungen am Rande und die Augenblicke der Erfahrung waren immer präsent in diesen Texten, und sie blieben stets wichtiger, als große Thesen und grundsätzliche Erklärungen zum Stand der Kino-Dinge. Es sind Details, in die man sich verliebt, und Liebe, die zum Kino und die zum Leben, und das Risiko, das zur Liebe dazugehört, war Althen immer wichtiger, als die Unrevidierbarkeit eines Urteilsspruchs. Dem Gefühl sein Recht zu geben, auch dort wo es diffus ist, es überhaupt in einem öffentlichen Text zuzulassen, und in Worte zu fassen, das konnte man von Althen lernen.

Woran man sich aber zuallererst erinnert, ist seine Großzügigkeit. Als Redakteur ließ er jedem seiner Autoren seine Stimme, und konnte gut damit leben, wenn Meinungen auseinandergingen - darüber hat er dann gern, beim Bier oder beim Whisky gestritten, aber er hätte nie zugelassen, dass man sich zerstritt. Wenn es etwas zu tadeln gab, dann kam dieser Tadel beiläufig, immer getragen vom Willen, das grundsätzliche Wohlwollen spüren zu lassen. Zugleich strahlte er eine ungeheure Ruhe aus, eine Gelassenheit, die manche mit Phlegma verwechselten, die aber doch eher in der klugen Einsicht bestand, das nicht alles die Aufregung lohnt, und das man manchmal statt in Hektik zu verfallen, besser zusammen etwas trinken geht, oder einen guten Film anguckt.

Vielleicht hat dies alles auch mit seiner Herkunft aus München zu tun, mit jener Liberalitas und Heiterkeit, die man Süddeutschen eben nicht ganz zu Unrecht nachsagt. In München wurde Althen am 14. Oktober 1962 geboren, und schon sehr früh, seit 1984, schrieb er, der Journalismus und Germanistik studierte, als Filmkritiker für die "Süddeutsche Zeitung". Er schrieb auch für "Die Zeit", den "Spiegel" und andere, war Redakteur bei der legendären "Transatlantik" und seit 1998 als Nachfolger Petter Buchkas der Filmredakteur der "Süddeutschen". Seit 2001 war er dann von Berlin aus Filmredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Aber Althen war nicht nur Kritiker, er schrieb auch Bücher über Dean Martin, Robert Mitchum und Rock Hudson, und 2002 sein persönlichstes: "Warte, bis es dunkel ist - Eine Liebeserklärung ans Kino". Und er drehte Filme: Für den WDR über "Essen im Film". Gemeinsam mit Dominik Graf drehte er 1998 "Das Wispern im Berg der Dinge - Der Schauspieler Robert Graf" und 2000 "München - Geheimnisse einer Stadt". Gemeinsam mit Hans Helmut Prinzler entstand 2008 der Dokumentarfilm "Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte". Er gewann zwei Grimme-Preise.

Wer so viele Filme sieht, der hat keine Lieblingsfilme mehr, oder, was aufs Gleiche rauskommt, viel zu viele. Lieblingsregisseure konnte Althen aber sehr wohl nennen: Einer von ihnen war Blake Edwards, ein anderer Michelangelo Antonioni. Über beide hat er einige seiner schönsten Texte geschrieben - darunter auch die jeweiligen Nachrufe.

Althens unverwechselbaren Ton ahmten einige nach, erfolglos. Viele von uns haben ihn bewundert, und das einzige, was in diesem Augenblick der Trauer ein wenig tröstet, ist das, was er 1998 im Nachruf auf seinen SZ-Vorgänger Peter Buchka beschrieb: "Das Glück, einen Menschen, wie ihn gekannt zu haben."

Einmal, in einem Gespräch über die Frage eines dritten Kollegen, was denn die eigenen "theoretischen Kriterien" für die Filmbeurteilung sein, antwortete er wie erstaunt darüber, dass man überhaupt so etwas Absurdes fragen könnte: "Ja, hingucken halt." Wir haben von ihm gelernt, hinzugucken. Am 12. Mai 2011 ist Michael Althen in Berlin nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

Rüdiger Suchsland