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Hateful 8

Sven von Redens Text zu Quentin TarantinosHateful 8 ist die fünfte von 12 Filmkritiken des Siegfried-Kracauer-Preisträgers 2015 im Rahmen seines Stipendiums. Sie wurde beim Kooperationspartner des Preises, der Zeitschrift FILMDIENST veröffentlicht (www.filmdienst.de).

 

„Hateful 8“ von Quentin Tarantino

Sven von Reden

Der beliebteste Einspruch gegen die Postmoderne lautet, sie bringe doch immer nur Aufgewärmtes hervor. Alles war schon mal da und hat früher besser geschmeckt: frischer, authentischer, unverwechselbarer. Eine Zeit lang war das auch ein gängiges Argument gegen Quentin Tarantino: Seine Filme präsentierten nicht das Leben, wurde kritisiert, sondern nur dessen x-ten Aufguss, mehrfach gefiltert durch mehr als hundert Jahre Kinogeschichte. Nicht dass das grundsätzlich falsch wäre oder sich daran etwas geändert hätte: Aber zum einen hat der Amerikaner mit seinem unendlichen Enthusiasmus und seiner kindlichen Freude am Kino auch den letzten Kritiker zumindest von seiner persönlichen „Authentizität“ überzeugt; zum anderen gibt es im US-Kino des letzten Vierteljahrhunderts paradoxerweise nur sehr wenige, deren Filme derart unverwechselbar sind. Aber um es gleich vorwegzunehmen: „The Hateful 8“ wirkt wie ein Endpunkt seiner Ästhetik.

Es dauert nur wenige Einstellungen, bis in seinem neuesten Film der erste „Tarantino-Moment“ kommt: Eine Kutsche rauscht durch ein Schneetreiben in den Gebirgsregionen Wyomings. Hinter einer Wegbiegung stoppt ein Mann den Sechsspänner und will mitgenommen werden. Der Afroamerikaner steht ganz allein in der Wildnis – sieht man von dem Leichenhaufen ab, auf dem er sitzt. Es ist Marquis Warren (Samuel L. Jackson), ein ehemaliger Major der Nordstaaten, der sein Geld mittlerweile als Kopfgeldjäger verdient. In der Kutsche sitzt ein Kollege, John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell), mit seiner wertvollen Fracht in Ketten, der Mörderin Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh). Ruth zögert, Warren in die Nähe seines 10.000-Dollar-Fangs zu lassen.

Das Wortgefecht, das sich zwischen den beiden Kopfgeldjäger entspinnt, ist typisch für Tarantino – und das, was seine Fans an ihm lieben. Die Ökonomie des klassischen Hollywoodkinos ignoriert er selbstbewusst: Die Szene zieht sich wie „Melasse“ – um ein vielfach in „The Hateful 8“ benutztes Wort zu verwenden –, ohne dabei zu langweilen. Kommunikation ist bei Tarantino Kunst und nicht Mittel zum Zweck: Das Gespräch läuft in Schlaufen, Argumente und Beleidigungen werden mit Freude am Fabulieren immer wieder variiert und wiederholt – in einem Fantasie-Englisch, das das Vokabular des späten 19. Jahrhundert weniger zur Steigerung der Authentizität einsetzt, sondern eher als komischen Effekt oder Provokation.

Letzteres gilt besonders für das Wort „Nigger“, das ohne Zweifel kurz nach der Befreiung der Sklaven in den USA zum allgemeinen Wortschatz gehörte, hier aber so oft wiederholt wird, dass man meinen könnte, Drehbuchschreiber Tarantino leide an einer Art Tourette-Syndrom. Ähnliches gilt für die Gewalt, die Daisy Domergue im Film ertragen muss. Während des ersten Dialogs wird ihr gleich die Nase gebrochen – und das ist nur der harmlose Anfang ihres Martyriums. Tarantino rechtfertigt sich dafür in Interviews mit der Gleichbehandlung der Geschlechter in „The Hateful 8“. Sicher, auch die Männer werden im Laufe des Films nicht geschont, allerdings wird die Gewalt gegen sie selten so verstörend auf Lacher hin inszeniert wie die Brutalitäten gegen die einzige weibliche Hauptfigur.

Nachdem er das Wortgefecht gewonnen hat, darf Warren einsteigen und die Kutsche fährt weiter. Unterwegs nehmen sie einen weiteren im Schnee gestrandeten auf: Chris Mannix (Walton Goggins), der sich als Sohn eines berühmten Südstaaten-Rebells und Rassisten herausstellt. Er will wie alle anderen nach Red Rock, der Stadt, in der Domergue hängen soll. Die Spannungen innerhalb der Reisegruppe sind offensichtlich: Warren hasst den Rassisten Mannix (und umgekehrt), Domergue hasst alle und Ruth misstraut allen, weil er glaubt, sie hätten es nur auf seine Beute abgesehen. Vor dem anrückenden Schneesturm flieht die bunte Gesellschaft in „Minnies Kleinwarenladen“. Die Besitzerin finden sie nicht vor, stattdessen vier Fremde, die hier angeblich ebenfalls vor dem Blizzard Schutz suchen. Aber sind sie alle wirklich auch die, für die sie sich ausgeben, oder will jemand von ihnen Domergue befreien?

Die nächsten zwei Stunden des fast dreistündigen Films spielen fast ausschließlich in der Blockhütte. Während draußen der Schneesturm tobt, steigern sich drinnen Misstrauen und Hass immer weiter. Was als Western beginnt, erinnert zunehmend an eine Agatha-Christie-Verfilmung in seiner Mischung aus Klaustrophobie, Paranoia und gegenseitigen Verdächtigungen. Tarantino nennt dagegen in Interviews ausgerechnet Western-Fernsehserien wie „Bonanza“ als Vorbild.

Umso überraschender ist, dass der Regisseur für sein Kammerspiel mit minimalem Plot ein Kinoformat hat wieder aufleben lassen, das seit 1966 nicht mehr benutzt wurde: Ultra Panavision 70mm mit dem extremen Seitenverhältnis von 1:2,76. Früher wurde das Material für edle Monumentalschinken wie „Der Untergang des römischen Reiches“ oder exotistische Abenteuerfilme wie „Die Meuterei auf der Bounty“ eingesetzt, Tarantino geht genau den entgegengesetzten Weg: Er verstärkt mit Hilfe des Breitwandformats die klaustrophobische Stimmung in der Hütte – die umgebenden Wände sind immer präsent –, und legt zugleich den Fokus auf seine Darsteller. Die detailreichen Bilder zeigen jede Pore, jedes Barthaar, und das extrem breitwandige Format zwingt die Kamera nah heran an die Gesichter. Die Schauspieler nehmen die Herausforderung dankend an: Besonders Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Kurt Russell und Walton Goggins haben sichtlich Spaß an ihren saftig überzeichneten Rollen und den vielen und langen Dialogen.

Trotz dieser formalen Originalität von „The Hateful 8“ bleibt allerdings mit etwas Abstand betrachtet ein schaler Beigeschmack. Groß geworden ist Tarantino mit den Gebrüdern Weinstein, deren Firma alle seine Filme produziert hat. Beide Namen stehen für ein Kino, das kleine Independent Filme und B-Movie-Material gewissermaßen auf Steroide gesetzt hat, bis die Oscars kamen und Einspielergebnisse in die hunderte Millionen Dollar möglich wurden. „The Hateful 8“ wirkt wie ein Endpunkt der Entwicklung: Bombastischer lässt sich ein Kammerspiel mit smarten Dialogen und guten Schauspielern jedenfalls kaum mehr aufblasen.

Nach zehn Filmen soll Schluss sein, hat Tarantino angekündigt: Mit diesem achten Film empfiehlt er sich für eine Karriere bei einer TV-Serie oder im Theater.