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LOST IN POLITICS: DIE DRITTE WOCHE DER KRITIK ERöFFNET MIT KONFERENZ ZUR POLITIK IM KINO

Zum dritten Mal richtet der Verband der deutschen Filmkritik vom 8.-16. Februar 2017 die “Woche der Kritik” aus. Den Auftakt der Reihe bildet am Mittwoch, dem 8. Februar eine Konferenz zum Wert des Politischen im Kino und zur Gefahr seiner Vereinnahmung durch Themen.

Zu den Gästen zählen die griechische Regisseurin und Produzentin Athina Rachel Tsangari (u.a. “Attenberg”, “Chevalier”), der Filmkritiker Joachim Lepastier (Cahiers du Cinéma), der Philosoph Alexander Garcìa Düttmann (Universtität der Künste Berlin) und Carlos Gerstenhauer, Redaktionsleiter Kino und Debüt beim Bayerischen Rundfunk.

Mittwoch, 8. Februar 2017, 19 Uhr im Silent Green Kulturquartier, Gerichtstraße 35, 13347 Berlin

Nach der großen Resonanz unserer Veranstaltung zur internationalen Wirkung des deutschen Kinos im Februar 2016 wird die Auftaktkonferenz damit fester Bestandteil der Film- und Debattenreihe.

Lost in Politics
Müssen Filme politisch sein?
Oder: Vom Kino der Gegenwart, der Gefahr seiner Vereinnahmung durch Inhalte und der Angst vor der Kunst.

Filme, die die Schwächeren verteidigen und die Gerechten zu Helden machen, haben Konjunktur. Vielleicht ist ja gerade ein besonders dringlicher Bedarf an solchen Filmen; immerhin ist ein betont engagiertes Kino nicht nur allgegenwärtig, es wird auch gefeiert und mit Preisen bedacht. Da wären Jacques Audiards dramatischer Flüchtlings-Thriller "Dheepan", der 2015 in Cannes gewann, Gianfranco Rosis Lampedusa-Doku-Essay "Fuocoammare", der 2016 bei der Berlinale triumphierte, oder der jüngste Cannes-Sieger "I, Daniel Blake" von Ken Loach über einen von der Sozialbürokratie marginalisierten Tischler.

Unter den Filmen mit politischen Inhalten finden sich gleichermaßen langweilige, aufregende, herausragende und ärgerliche. Eines aber haben sie gemein: Angepriesen werden sie als richtig und wichtig. Das bringt auch die Filmkritik in Schwierigkeiten, weil sie diesen Filmen und ihren ApologetInnen zu oft nur ins politische Argument folgt und aufhört, über das Kino zu sprechen: Die politische Schlagzeile verdrängt den ästhetischen Diskurs.

Vor dem Auftakt der Filmfestspiele, die routiniert mit dem Attribut des politischsten A-Festivals versehen werden, fragen wir nach dem Wert der Politik im Kino und danach, wie man politisch Kino machen kann, statt aus Kino Politik.

Wie ernst ist es den Filmen und ihren Machern mit dem politischen Anspruch? Wird ein Film erst wichtig, wenn sein Thema politisch ist? Oder macht ihn das in den Gremien des Förderbetriebs überhaupt erst finanzierbar? Und vor allem: Was heißt es für die Kunst des Filmemachens, wenn sich das Kino so stark über vordergründige Inhalte definiert? Was bedeutet das für sein ureigenstes Instrumentarium: die künstlerische Form?

Anmeldung unter konferenz@vdfk.de, Eintritt 5 Euro.

 

WOCHE DER KRITIK

An die Konferenz schließt die WOCHE DER KRITIK mit sieben Film- und Debattenprogrammen an. Sie verknüpft die Präsentation aktueller Filme mit Debatten über kulturpolitische und ästhetische Fragestellungen. Die Filmprogramme und Diskussionen finden erneut im Hackesche Höfe Kino statt. Zu den Gästen der “Woche der Kritik” zählten in den Vorjahren etwa der Filmkritiker des “New Yorker”, Richard Brody, die Künstlerin Heba Amin, der Leiter der Semaine de la Critique Cannes, Charles Tesson, und der Filmemacher Denis Côté.

Die WOCHE DER KRITIK ist eine Veranstaltung des Verbands der deutschen Filmkritik e.V.

Woche der Kritik
Jendrik Walendy (Presse)
Bornsdorfer Straße 4
12053 Berlin
+49 (0)176 6264 0223
E-Mail: presse@wochederkritik.de
Web: www.wochederkritik.de
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VdFk - Verband der deutschen Filmkritik e.V.
Frédéric Jaeger (Geschäftsführender Vorstand)
E-Mail: jaeger@vdfk.de
Tel.: +49 (0)30 440 41 443
Web: www.vdfk.de

ZUM TODE VON HANS-JOACHIM SCHLEGEL (26.1.1942-30.10.2016)

Als Journalist und Publizist hat sich Hans-Joachim Schlegel ums Kino verdient gemacht, insbesondere um den osteuropäischen Film, dem er auf Festivals, als Mitglied von Jurys und in zahllosen Publikationen - u.a. auch als Autor des FILMDIENST - jahrzehntelang Würdigung verschaffte. Nun ist Hans-Joachim Schlegel 74-jährig gestorben.

Ein Nachruf von Ralf Schenk: lesen.

  

SIEGFRIED KRACAUER PREIS 2016 VERLIEHEN

Die MFG Filmförderung Baden-Württemberg und die Film- und Medienstiftung NRW zeichnen gemeinsam mit dem Verband der deutschen Filmkritik Ekkehard Knörer mit dem Siegfried Kracauer Preis 2016 für die beste Filmkritik aus. Das Siegfried Kracauer Stipendium geht an Patrick Holzapfel.

Köln, 10. November 2016. - Ekkehard Knörer gewinnt den Preis für die beste Filmkritik für seinen Text zu „Wild“ von Nicolette Krebitz. Er erschien unter dem Titel „Außer sich“ in der Zeitschrift Cargo im März 2016. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert. Das Stipendium für das Jahr 2016/17 in Höhe von insgesamt 12.000 Euro erhält Patrick Holzapfel, der eine sechsteilige Artikelserie zum Thema „Zukunft des Kinos“ sowie einen regelmäßigen Blog verfassen wird. Die Preisübergabe fand während der feierlichen Verleihung des Kinoprogrammpreis NRW im Rahmen des Film- und Kinokongresses in Köln statt.

Die nach dem herausragenden Filmtheoretiker benannte Auszeichnung wird jährlich vergeben. Zu der von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und dem Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) ins Leben gerufenen Initiative kam 2016 als neuer Partner die Film- und Medienstiftung NRW hinzu. Beide Filmförderungen stiften den Preis gemeinsam.

„Wir freuen uns, diese Auszeichnung nun zum dritten Mal zu vergeben und so wieder auf einige herausragende Filmkritiken des letzten Jahres aufmerksam zu machen. Gute Filmkritiken bieten nicht nur Information und Orientierung für den Kinogänger. Sie sind oft selbst kleine Kunstwerke und ein Genuss an sich,“ so Carl Bergengruen.

Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW, unterstrich: „Mit dem Siegfried Kracauer Preis möchten wir die besondere Bedeutung der Filmkritik für unser Metier hervorheben. Eine gute Kritik ist Werbung für Filme, Feedback für die Macher und ein wichtiger Beitrag zum kulturellen Diskurs. Die diesjährigen Nominierungen und Arbeiten von Preisträger Ekkehard Knörer und Patrick Holzapfel belegen die Bandbreite und Qualität der Filmkritik eindrucksvoll.“

Die diesjährige Jury bestand aus Barbara Albert, Regisseurin, Autorin und Produzentin, Joachim Kühn, Geschäftsführer von Real Fiction Filmverleih und Kinobetreiber, und Sven von Reden, freier Filmkritiker und Stipendiat des Siegfried Kracauer Preises 2015. Ekkehard Knörer habe unter 69 Bewerbern für die beste Filmkritik mit seinem Sprachstil überzeugt, der die „Wahrnehmung des Films“ widerspiegele, so die Jury. Weiter heißt es in ihrer Begründung: „Wir bekommen sofort Lust aufs Kino, wollen den Film (noch einmal) sehen.“ Den zukünftigen Stipendiaten Patrick Holzapfel würdigte die Jury für seinen „ebenso persönlichen wie reflektierten Zugang zum Kino“. Seine Texte offenbarten eine „fühlbare Leidenschaft für den Film mit einem für sein junges Alter erstaunlich breitem Wissen über Filmgeschichte und Weltkino“.

Der Verband der deutschen Filmkritik dankte am Abend der Verleihung dem bisherigen Medienpartner FILMDIENST, würdigte dessen filmkritisches Engagement und bedauerte das bevorstehende Aus für die Printausgabe. „Die Zukunft des Kinos ist nach derzeitigem Stand gesicherter als die Zukunft der Filmkritik“, so das ernüchternde Fazit des Abends. Die Stiftung des Siegfried Kracauer Preises für Filmkritik durch zwei einflussreiche Filmförderungen wertete der Verband jedoch als hoffnungsvolles Zeichen für die Filmkritik, den Film und das Kino gleichermaßen.

Auf der Internetseite www.siegfried-kracauer-preis.de stehen weitere Informationen bereit.


Ansprechpartner
Film- und Medienstiftung NRW, Erna Kiefer, +49 (0)211 9305022, ernakiefer@filmstiftung.de
MFG Filmförderung Baden-Württemberg, Uwe Rosentreter, +49 (0)711 90715-407, rosentreter@mfg.de
VdFK e.V., Dunja Bialas, +49 (0)179 28 40 279, kracauer@vdfk.de

OFFENER BRIEF: ZEITSCHRIFT FILMDIENST VOR DEM AUS

Offener Brief an Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Zeitschrift Filmdienst vor dem Aus: Katholische Kirche darf ihr Engagement für die Filmkultur nicht aufgeben!

Wie dem Verband der deutschen Filmkritik jetzt von offizieller Seite bestätigt wurde, fährt die Katholische Kirche ihr Engagement für die Filmkultur drastisch zurück. Sie beabsichtigt, den Filmdienst, die kirchlich finanzierte Fachzeitschrift für Film und zugleich älteste deutsche Zeitschrift für Filmkritik, einzustellen.

Die Katholische Filmkommission und der Verlag dreipunktdrei stellen in ihren Schreiben an den Verband der deutschen Filmkritik einvernehmlich fest, dass es angesichts der Mittelkürzung durch die Kirche keine wirtschaftliche Möglichkeit gäbe, die Printpublikation fortzuführen. Über einen künftigen Webauftritt, der die filmkritischen Inhalte in verringertem Umfang bereithalten soll, werde derzeit nachgedacht. Mit einer Entscheidung sei Ende November zu rechnen.

Bereits zum Juli dieses Jahres war der freie Verkauf des Filmdienst eingestellt worden, was vom Verband der deutschen Filmkritik als ein beunruhigendes Signal für die bevorstehende Entwicklung gedeutet wurde. Gesellschaftskritische, umfassende und verantwortungsvolle Filmpublizistik befindet sich damit in gravierender Weise auf dem Rückzug.

Wir appellieren an die Katholische Kirche, die Bewegtbilder nicht leichtfertig der von ökonomischen Aspekten geleiteten Filmverwertung zu überlassen und sich weiterhin engagiert, filmhistorisch und ästhetisch kompetent zu äußern. Es ist mehr als fahrlässig, die Bedeutung des Films in Zeiten der Allgegenwärtigkeit von Bewegtbildern geringzuschätzen und deren fachkundige Besprechung preiszugeben.

Wir erwarten von der Katholischen Kirche, dass sie sich als wichtige Akteurin der Zivilgesellschaft zum Engagement für die Filmkultur bekennt. Wir sind der Überzeugung, dass eine Printzeitschrift viele Vorteile in Reichweite und Nachhaltigkeit birgt und rufen die Katholische Kirche dazu auf, ihre verantwortungsvolle Rolle als Impulsgeber für den gesellschaftlichen Diskurs mit relevanten Texten zu Film und Kino auch in Zukunft ernst zu nehmen und in vollem inhaltlichen Umfang der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vorstand des Verbands der deutschen Filmkritik

Dunja Bialas
Frédéric Jaeger
Dennis Vetter
Florian Vollmers

NOMINIERUNGEN FüR DEN SIEGFRIED KRACAUER PREIS 2016 STEHEN FEST

Filmkritiken aus Welt, Zeit Online, Perlentaucher, Cargo und critic.de wurden für den Siegfried Kracauer Preis 2016 nominiert. Der Preis wird am 9. November 2016 im Rahmen des Film- und Kinokongresses und des Kinoprogrammpreises NRW verliehen.

Bereits zum dritten Mal wird der mit insgesamt 15.000 Euro dotierte Siegfried Kracauer Preis für die Beste Filmkritik und ein Jahresstipendium verliehen. Der Preis wird erstmals gemeinsam von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und der Film- und Medienstiftung NRW in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Filmkritik ausgerichtet. Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und
Medienstiftung NRW wird die Auszeichnung gemeinsam mit dem Geschäftsführer der MFG, Prof. Carl Bergengruen, am 9. November 2016 in Köln überreichen. Die festliche Verleihung findet im Rahmen des Film- und Kinokongresses und des Kinoprogrammpreises NRW statt.

Eine dreiköpfige unabhängige Fachjury, zusammengesetzt aus Vertretern der Sparten Filmproduktion, Filmverwertung und Filmkritik, beschied in einer gemeinsamen Sitzung über die Preisvergabe. Die Jury bestand 2016 aus Barbara Albert, österreichische Regisseurin, Autorin und Produzentin, Joachim Kühn, Geschäftsführer von Real Fiction Filmverleih und Kinobetreiber, und Sven von Reden, freier Filmkritiker und Stipendiat des Siegfried Kracauer Preises 2015.

Nach einer anonymen Auswertung von 69 eingereichten Filmkritiken wurden fünf Nominierte bestimmt, die nun auf der Shortlist für den mit 3.000 Euro dotierten Preis für die Beste Filmkritik stehen. Zudem entschied die Jury in einem transparenten Auswahlverfahren über die Vergabe des mit 12.000 Euro ausgestatteten Jahresstipendiums, für das sich 19 Filmkritiker/innen beworben hatten, und das geknüpft ist an die Veröffentlichung einer Artikelserie zum Thema „Zukunft des Kinos“ sowie das Verfassen regelmäßiger Blogbeiträge.
Die fünf Nominierten für die Beste Filmkritik 2016 sind:

  • Thomas Groh mit dem Text „Alles auf Null“, erschienen im Perlentaucher im November 2015 (Filmkritik zu „Spectre“)
  • Till Kadritzke mit dem Text „Right Now, Wrong Then“, erschienen auf critic.de im Oktober 2015 (Filmkritik zu „Right Now, Wrong Then“)
  • Ekkehard Knörer mit dem Text „Außer sich“, erschienen in der Cargo im März 2016 (Filmkritik zu„Wild“)

Die Gewinner in beiden Kategorien werden bei der Preisverleihung bekannt gegeben. Die Jury hob hervor: „Bei den Stipendiumsbewerbungen waren wir besonders von der Qualität der Einreichungen junger Filmkritikerinnen und Filmkritiker beeindruckt. Hier wächst offensichtlich eine Generation nach, die sich mit Lust, Wissen und Engagement mit dem Kino und seiner Zukunft beschäftigt. Der Reiz, die Filmkritiken zu bewerten, lag unter anderem darin, dass sie pur vorlagen, ohne den Publikationskontext und ohne die Namen der Verfasser_innen. Das Lesen der Kritiken hat uns große Lust aufs Kino gemacht. Gerne hätten wir, dass die Filme auch im Kinoalltag größere Sichtbarkeit erfahren.“

Die Auslobung des Siegfried Kracauer Preises ist eine Initiative der MFG Filmförderung Baden-Württemberg, um die deutsche Kinolandschaft zu stärken, der sich in diesem Jahr die Film- und Medienstiftung NRW angeschlossen hat. Beide Institutionen sehen in der Filmkritik einen wichtigen Faktor für den langfristigen Bestand und die Weiterentwicklung einer vielfältigen Kinokultur. Insbesondere die mediale Rezeption und journalistische Rezension von Filmen erzeugt und bereichert jene Öffentlichkeit und Diskurse, die Filmtheater als Orte der Filmkultur bewahren.

Hier finden Sie die Pressemitteilung als pdf. Auf der Internetseite http://www.siegfried-kracauer-preis.de stehen weitere Informationen bereit.

Ansprechpartner VdFK:
VdFK e.V.
Dunja Bialas
0179 28 40 279
kracauer@vdfk.de

Ansprechpartner Film- und Medienstiftung NRW, Erna Kiefer, +49 (0)211 9305022, ernakiefer@filmstiftung.de, und MFG Filmförderung Baden-Württemberg, Uwe Rosentreter, +49 (0)711 90715-407, rosentreter@mfg.de

KEIN WEITERER AUFSCHUB FüR DIE SICHERUNG DES FILMERBES

Stellungnahme des Verbands der deutschen Filmkritik zur öffentlichen Anhörung im Deutschen Bundestag zum Antrag „Nachhaltige Bewahrung, Sicherung und Zugänglichkeit des deutschen Filmerbes gewährleisten

Der Verband der deutschen Filmkritik beobachtet mit großer Sorge und zunehmendem Befremden, dass die Bundesregierung die dringend notwendigen Investitionen in die Sicherung und die Sichtbarkeit des deutschen Filmerbes immer weiter verschiebt. Der Deutsche Bundestag darf diese Verzögerung durch die Bundesregierung nicht länger unterstützen.

Das Filmerbe zu erschließen, zu sichern und verfügbar zu machen sind zentrale Aufgaben im Sinne eines kulturellen Geschichtsbewusstseins. Aufgrund der Fragilität des Materials und der bisherigen Mangelwirtschaft dulden sie keinen weiteren Aufschub.

Als Verband der deutschen Filmkritik unterstützen wir mit Nachdruck die Bemühungen, für diese weitreichenden Aufgaben eine Verständigung der Bundesregierung mit den Bundesländern und der Filmbranche herbeizuführen. Angesichts der gesamtstaatlichen Bedeutung des Filmerbes liegt die primäre Verantwortung dafür aber beim Bund. Dieser Verantwortung wird die Bundesregierung bisher nicht gerecht.

Solange eine Einigung zwischen Bund und Ländern nicht zustande kommt, muss die Bundesregierung mindestens die in ihre Zuständigkeit fallende institutionelle Ausstattung der Filmarchive und Kinematheken in ausreichendem Maße gewährleisten. Davon kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Rede sein.

Es ist verständlich und notwendig, dass bei den Bemühungen um das Filmerbe die Digitalisierung aktuell im Zentrum steht. Eine Sichtbarkeit der Vielfalt der deutschen Filmgeschichte ist mittelfristig nur möglich, wenn möglichst umfangreiche Bestände digitalisiert werden.

Die Digitalisierung des Filmerbes darf allerdings nicht wie bisher vorrangig unter Gesichtspunkten der Vermarktbarkeit erfolgen, sondern muss darauf abzielen, die Vielfältigkeit der Produktionsformen abzubilden. Film war und ist gleichermaßen Kunstwerk, Ware, Werbemedium, historische Quelle und Arbeitsmedium. Nur mit diesem umfassenden Verständnis von Film lässt sich gewährleisten, dass das Filmerbe Teil einer allgemeinen Öffentlichkeit werden kann.

Um diese Bandbreite des Filmerbes öffentlich zu vermitteln, braucht es eine Bündelung der bisherigen Anstrengungen vor allem in Bezug auf die Vermittlung und Sichtbarmachung der Filme. Die Sichtbarkeit der bisherigen Anstrengungen wird durch die Aufsplittung in einzelne Projekte deutlich gemindert.

Neben der Digitalisierung muss der Umgang mit analogem Filmmaterial neu evaluiert werden. Erfreulicherweise ist in beträchtlichen Teilen einer interessierten Öffentlichkeit ein neues Interesse der Vorführung analoger Filme entstanden. Der performative Aspekt analoger Filmvorführungen zieht ein immer größeres Publikum an, das Interesse für die technischen Veränderungen zwischen analogem und digitalem Film wächst. Paradoxerweise eröffnet der Kontrast zu digitalen Filmen neue Zugänge zum analogen Film.

Gemeinsam mit der gesamten Filmkultur befindet sich das Filmerbe im Umbruch. Es gehört zu den Wesenseigenschaften des Filmerbes, dass es unter den Produktionsbedingungen der Vergangenheit entstanden ist. Die technischen Bedingungen der Entstehungszeit haben sich in die Filme sichtbar und hörbar eingeschrieben. Oft basieren die ästhetischen Erwägungen der Filme auf den technischen Bedingungen und sind untrennbar mit ihrem Trägermaterial verbunden.

Deutsche Archive haben sich gegenüber der ersten Hälfte der Filmgeschichte, die größtenteils auf Nitratfilm vorhanden ist, bisher fahrlässig verhalten. Originale wurden nach der Digitalisierung vernichtet oder an ausländische Archive unter der Hand abgegeben. Dabei hat erst unlängst die Leiterin der Restaurierungsabteilung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung am Beispiel des vernichteten Kameranegativs von Josef von Bákys Münchhausen von 1943 ausgeführt, welche unwiederbringlichen Verluste durch die bisherige Politik entstanden sind.

Die Fortführung und Bewahrung der analogen Filmkultur gehört zum internationalen common sense. Martin Scorsese und weitere Hollywoodgrößen sichern, restaurieren und verbreiten mit The Film Foundation und dem World Cinema Project seit über 25 Jahren analoges Filmmaterial von Klassikern und nichtbeachteten Filmen des Weltkinos. Das Beharren auf analogem Film durch Regisseure wie Quentin Tarantino und Christopher Nolan hat unterdessen zu einer Revision der vor einigen Jahren breit rezipierten Aufgabe des analogen Films im regulären Kinobetrieb geführt.

Länder wie Schweden verfolgen einen dualen Ansatz und betreiben neben der Digitalisierung die Pflege des analogen Films. Österreich und die Niederlande haben für die Sicherung des analogen Films Kopierwerke erworben. Der Kauf des Kopierwerks durch das österreichische Bundeskanzleramt hat explizit zum Ziel, die Geschichte des österreichischen Experimentalfilms langfristig sichtbar zu halten. Auch das niederländische Filmarchiv eye hat zur Sicherung seiner Bestände ein Kopierwerk erstanden.

Der Verband der deutschen Filmkritik fordert den Deutschen Bundestag daher auf,  das deutsche Filmerbe in dieser Phase der Transformation nicht auf halbem Weg zu blockieren. Derzeit wird ihm weder der Weg in eine breite digitale Zukunft eröffnet, noch werden die Zugänge zu seiner analogen Geschichte ausreichend erhalten.

 

Für eine gesicherte Zukunft des deutschen Filmerbes fordern wir:

  • eine langfristige Finanzierung einer breiten Digitalisierung des deutschen Filmerbes durch den Bund und die Länder. Die im FFA-Gutachten von PricewaterhouseCoopers genannte Summe von 10 Millionen EUR ist dabei als nicht zu unterschreitendes Minimum zu betrachten. Diese finanzielle Grundlage ist notwendig, um das Wissen von Fachleuten und die technische Infrastruktur sowie deren Weiterentwicklung zu sichern.

  • eine deutliche Aufstockung der finanziellen, personellen, technischen und räumlichen Ausstattung deutscher Filmarchive. Die Filmarchive der Bundesrepublik müssen in die Lage versetzt werden, neben der Sicherung des deutschen Filmerbes breiter als bisher auch eine Erschließung der digitalisierten Filmbestände für die Öffentlichkeit zu gewährleisten.

  • eine langfristige Strategie, um das Überleben auch von bislang in den deutschen Archiven nicht vorhandenen Teilen des Filmerbes sicherzustellen. So sind weite Teile der westdeutschen Filmproduktion der 1970er und 1980er Jahre bislang nur unzureichend in deutschen Archiven vertreten.

  • eine langfristige Sicherung aller derzeit in deutschen Filmarchiven erhaltenen analogen Filmmaterialien des deutschen Filmerbes und eine rechtlich verbindliche Anordnung der Filmarchive, die Vernichtung von Filmmaterialien zu unterlassen, sofern die analogen Kopien nicht tatsächlich nach internationalen Standards aufgrund ihres Zerfallzustands als Gefährdung einzustufen sind.

  • eine langfristige Sicherstellung und Bewahrung der analogen Filminfrastruktur in Deutschland, um die Begegnung mit dem Filmerbe auch zukünftig im ursprünglichen Vorführformat zu ermöglichen. Das gebietet auch der Respekt vor den künstlerischen Absichten und Entscheidungen der Urheber.

Vorstand und Beirat des Verbands der deutschen Filmkritik e.V.

Dunja Bialas
Frédéric Jaeger
Dennis Vetter
Florian Vollmers

Jennifer Borrmann
Peter Kremski
Claus Löser
Wilfried Reichart
Rüdiger Suchsland
Rudolf Worschech

AUFRUF DER INITIATIVE FILMERBE IN GEFAHR

Der Verband der deutschen Filmkritik unterstützt den folgenden Aufruf der Initiative Filmerbe in Gefahr an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages endlich die notwendigen Schritte zu unternehmen, um das Filmerbe adäquat zu sichern und zugänglich zu machen:

 

An die Abgeordneten des Deutschen Bundestags.
Aufruf der Initiative "Filmerbe in Gefahr"

Die Große Koalition zwischen CDU, CSU und SPD bekannte sich in ihrem Koalitionsvertrag von November 2013 eindeutig zur dauerhaften Sicherung des nationalen Filmerbes. Sie versprach eine Digitalisierungsförderung durch den Bund und stellte entsprechende finanzielle Anstrengungen der Länder und der Filmwirtschaft in Aussicht. Sie sagte zu, die Stiftung Deutsche Kinemathek als eine der zentralen Einrichtungen zur Bewahrung und Zugänglichmachung des deutschen Filmerbes stärker als bisher zu unterstützen. Ebenso versicherte sie, auch das Bundesarchiv personell und finanziell zu stärken.

Trotz zahlreicher Appelle, Initiativen und Petitionen sind alle Versprechen und Versicherungen bis zum heutigen Tag uneingelöst:

  • Das Filmerbe ist weiter in Gefahr. Einerseits droht durch Alterungsprozesse, aber auch durch unbedachte Vernichtung der materielle Verlust von Archivfilmen. Andererseits verschwindet die deutsche Filmgeschichte immer mehr aus Kinos und Fernsehen, während für ihre digitale Sichtbarkeit zu wenig getan wird.
  • Die Digitalisierungsförderung des Bundes stagniert seit Jahren bei einer Million Euro für ausgewählte Mitglieder des Kinematheksverbundes.
  • Die Verhandlungen über eine Beteiligung der Länder und der Filmwirtschaft an der Digitalisierungsförderung kommen nicht voran.
  • Anstatt die Deutsche Kinemathek zu stärken, ist im Etat für 2017 eine Kürzung ihres Haushalts vorgesehen.
  • Mit der Schließung des dem Bundesarchiv-Filmarchiv angeschlossenen Kopierwerks wird eine der letzten analog arbeitenden Einrichtungen in Deutschland unter dem Druck ökonomischer Zwänge beseitigt. So werden vollendete Tatsachen geschaffen, bevor vom Kinematheksverbund eine Gesamtstrategie für die Sicherung des Filmerbes erarbeitet wurde.
  • Das Bundesarchiv-Filmarchiv wird nicht gestärkt. Vielmehr beschränkt es sich wegen der Sparzwänge ausschließlich auf die Digitalisierung, d.h. auf eine Technologie, die unter internationalen Experten als ungeeignet für eine dauerhafte Sicherung gilt, solange noch keine Langzeitmodelle zur Speicherung digitaler Daten existieren und die Digitalisate mithin dem Risiko des Datenverlusts und der schnellen Überalterung von Dateiformaten ausgesetzt sind.

 

Kulturstaatsministerin Dr. Monika Grütters erklärte jüngst die Digitalisierung des deutschen Filmerbes zur „Jahrhundertaufgabe“. Wir fordern die Politiker der Großen Koalition auf, sich dieser Jahrhundertaufgabe verantwortungsvoll zu stellen und die Vereinbarungen des Koalitionsvertrags endlich umzusetzen.

Wir fordern:

  • die Schaffung eines dauerhaften und mit angemessenen Mitteln ausgestatteten Fonds für eine zweigleisige konservatorische Sicherungsstrategie, die sowohl die Herstellung langzeitstabiler analoger Sicherungskopien als auch die Herstellung und Archivierung digitaler Kopien erlaubt.
  • die Einrichtung einer zentralen Koordinierungsstelle, um die Fördermittel angemessen auf die Mitglieder des Kinematheksverbunds sowie auf weitere Archive mit Filmbeständen in Bund, Ländern und Kommunen und auf Privatarchive mit relevanten Beständen zu verteilen,
  • finanzielle Mittel für den Aufbau eines dringend benötigten Film-Gesamtkatalogs,
  • eine höhere finanzielle und personelle Ausstattung der Mitglieder des Kinematheksverbundes, damit sie die Funktionen einer zentralen deutschen Kinemathek und eines Filmarchivs erfüllen können,
  • die Bewahrung der analogen Kopiertechnik in Deutschland und einer entsprechenden technischen und fachlichen Infrastruktur.

http://www.filmerbe-in-gefahr.de

Aufruf als pdf.

 

Erstunterzeichner: Claudia von Alemann, Regisseurin / Dr. Dirk Alt, Historiker / Dr. Anna Bohn, Filmwissenschaftlerin / Prof. Norbert Grob, Filmwissenschaftler / Prof. Vinzenz Hediger, Filmwissenschaftler / Prof. Jan-Christopher Horak, Direktor des UCLA Film & Television Archive / Alexander Horwath, Direktor des Österreichischen Filmmuseums / Prof. Dietrich Leder, Medienwissenschaftler / Juliane Maria Lorenz, Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation / Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste Berlin / Peter Nestler, Regisseur / Prof. Christine Noll Brinckmann, Filmwissenschaftlerin / Harald Petzold, MbB / Rosa von Praunheim, Regisseur / Edgar Reitz, Regisseur / Volker Schlöndorff, Regisseur / Wolfram Schütte, Publizist / Prof. Marcus Stiglegger, Filmwissenschaftler / Thomas Tode, Filmhistoriker / Bernd Upnmoor, Regisseur / Prof. Chris Wahl, Filmwissenschaftler / Alexander Zöller, Filmwissenschaftler 

VERANSTALTUNGSHINWEIS - PODIUMSDISKUSSION: WARTEN, BIS ES DUNKEL WIRD

Diskussionsveranstaltung im Kino Arsenal zur Filmkritik und zur Frage, was sie vor dem Hintergrund der sich wandelnden Medienlandschaft leisten kann. Die Veranstaltung findet anlässlich der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) zum Thema "Kritik!" statt.

"Was heißt Filmkritik und was kann sie vor dem Hintergrund der sich wandelnden Medienlandschaft leisten? Anlässlich der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM), die in diesem Jahr unter dem Thema "Kritik!" stattfindet, lädt das Seminar für Filmwissenschaft der FU Berlin zur Podiumsdiskussion ins Arsenal ein.

Die Kritiker_innen Frédéric Jaeger (critic.de, BZ, Der Freitag), Ekkehard Knörer (Cargo, Merkur, taz), Hannah Pilarczyk (SpOn, Missy Magazine, Neon) und Barbara Schweizerhof (epd, taz, Der Freitag) sprechen über Möglichkeiten und Bedingungen ihrer Zunft. Die Art und Weise, wie heute Medien in Medien besprochen werden können, ist im Umbruch. Was bedeutet die Verlagerung der Filmkritik ins Netz? Demokratisierung oder Clickbaiting? Wie positioniert sie sich zwischen Filmkritik-Blogs, Videokritiken und lebhaften Fankulturen?

Die Diskussion wird von Bert Rebhandl moderiert."

Text: cp, Kino Arsenal

 

am Do, 29.09.20.30 Uhr

Kino 1

Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin

NACHRUF AUF VOLKER GUNSKE

Unser langjähriges Mitglied Volker Gunske ist am 25. Mai verstorben.

Wir veröffentlichen einen Nachruf von Robert Weixlbaumer.

AUSSCHREIBUNG SIEGFRIED KRACAUER PREIS IN NEUER PARTNERSCHAFT

Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFK), die MFG Filmförderung Baden-Württemberg und die Film- und Medienstiftung NRW schreiben den renommierten, mit 15.000 Euro dotierten Preis für Filmkritik erstmals gemeinsam aus.

Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFK) und die MFG Filmförderung Baden-Württemberg konnten die Film- und Medienstiftung NRW als zusätzlichen Stifter für die Auslobung des Preises für deutsche Filmkritik gewinnen. Die nach dem herausragenden Filmtheoretiker Siegfried Kracauer benannte Auszeichnung wird im Rahmen des Film- und Kinokongress und des Kinoprogrammpreis NRW im November in Köln verliehen.

Ab sofort können sich Autorinnen und Autoren um zwei Auszeichnungen bewerben:
um den mit 3.000 Euro dotierten Preis für die Beste Filmkritik und um ein einjähriges Stipendium. Das Stipendium ist mit 12.000 Euro dotiert und eröffnet dem Preisträger die Möglichkeit, sich in dieser Zeit umfassenden Recherchen für eine Essay-Reihe zum Thema „Zukunft des Kinos“ zu widmen. Das Stipendium verpflichtet zu einer mehrteiligen Essayreihe sowie zum regelmäßigen Erstellen eines Blogs.

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